Wir vom Aktionsbündnis „Rettet Gaza Konstanz“ waren zwar nicht offiziell als Gruppierung am diesjährigen Christopher Street Day (CSD), doch einige Mitglieder von uns nahmen dennoch am als unpolitisch definierten CSD teil. Wir wollen uns daher konkret zu zwei Punkten äußern und Stellung beziehen.

1. Der „Vorfall“ im Stadtgarten, als ein Mitglied von „Students for Palestine“ angespuckt wurde

In den vergangenen Tagen mussten wir feststellen, dass der Hergang, wie ein zionistischer Teilnehmer vom CSD in unsere Richtung spuckte und dafür vom Veranstaltungsort verwiesen wurde, stets einseitig modifiziert wurde. Der schwere Vorwurf, der hier im Raum steht, ist, dass der zionistische Teilnehmer scheinbar Opfer eines „antisemitischen Übergriffs“ wurde, um so seine Aktion und Reaktion zu rechtfertigen. Hervorgehoben wird eine Aussage eines Menschen aus unseren Reihen, der die Worte „ziemlich cringe bro“ an ihn richtete. Der Bezug war in diesem Fall das Schild, dass der zionistische Teilnehmer mit sich trug, auf dem „Queer Zionist Communist Against Fascism“ – zu Deutsch: queer-zionistische Kommunist:innen gegen Faschismus – steht. Der Kommentar zum Schild ergab sich aus dem unüberwindbaren Widerspruch, sich einerseits zum Zionismus und andererseits zum Kommunismus zu bekennen. Der Zionismus steht grundsätzlich für eine nationalistische und rassistische Ideologie, die von Beginn an die Vertreibung der arabischen Palästinenser:innen zur Bedingung hatte; der Kommunismus beschreibt hingegen eine klassen- und staatenlose Gesellschaft – das heißt: Der Zionismus braucht die Klassen und den Staat, der Kommunismus überwindet sie.

In den Ausführungen des zionistischen Teilnehmers wird die „cringe“-Aussage jedoch als Angriff aufgefasst, da er es als gegen ihn als gerichtete Person versteht. Seine Reaktion war daraufhin ein sprachlicher Konter sowie – das Spucken. Erschreckend müssen wir jedoch feststellen, dass in verschiedenen Ausführungen das Spucken an sich nur eine unzureichende Kritik erfährt, da es scheinbar wichtig sei zu betonen, ob er nun auf den Boden spuckte, auf unsere Wassermelone oder in Richtung von Menschen. Diese narrative Verschiebung konnten wir auch beobachten, als wir uns Verantwortliche des CSD-Teams wandten, um sein Verhalten zu melden. Der Vorwurf des Antisemitismus stand dabei anfangs gar nicht im Raum, sondern entstand erst durch die fortlaufende Entwicklung der Geschehnisse. Erst als dem zionistischen Teilnehmer seine Rederechte entzogen und er mit einem Platzverweis konfrontiert wurde, betonte er, einen „antisemitischen Übergriff“ erfahren zu haben. Er betrieb eine Täter-Opfer-Umkehr und versuchte, diese Taktik bis zum Ende durchzuziehen – sowie darüber hinaus.

Wir betonen ausdrücklich, dass niemand aus unserer Gruppe, die als Einzelpersonen am CSD teilnahmen, den zionistischen Teilnehmer antisemitisch oder anderweitig diskriminierend attackiert haben. Das eskalative Verhalten des zionistischen Teilnehmers entspringt aus der Logik des Zionismus selbst, jede Kritik in die Ecke des Antisemitismus zu stellen.

2. Kims Rede am Münsterplatz

Kim hielt im Rahmen des CSD eine Rede, die nicht im Namen von „Rettet Gaza“ erfolgte. Nichtsdestoweniger stehen wir hinter der Rede und verteidigen sie gegen jeden Angriff und Vorwurf, sie wäre antisemitisch oder anderweitig diskriminierend. Der Hauptvorwurf, der auch in den beiden Artikeln des Südkuriers vom Dienstag und Mittwoch aufgegriffen wurde lautet, dass nicht auf die Hamas hingewiesen wurde und gesagt wurde, dass Israel einen Völkermord in Gaza führt. Im Kern drehte sich die Rede um die Erfahrung von Queers in den vergangenen Monaten in Deutschland sowie des Pinkwashings Israels, das heißt, dass sich Israel als besonders queerfreundlicher Staat versteht sowie als einziger Hort für die Befreiung von Queers stünde und damit von seinen fortwährenden Kriegsverbrechen versucht, abzulenken. In der Rede ging es nicht darum, wie es zum 7. Oktober 2023 kam. Es ist für uns auch bezeichnend, dass palästina-solidarische Menschen stets permanent betonen müssen, sich von der Hamas zu distanzieren, derweil zionistische Menschen kein ähnliches Bekenntnis abverlangt wird, zum Beispiel, dass sie sich von der faschistischen Regierung in Israel distanzieren. Oder zerstörter Schulen. Oder zerstörter Krankenhäuser. Oder 40.000 ermordeter Menschen.

Wir weisen diese Vorwürfe und Unterstellungen aufs schärfste zurück. Der zionistische Teilnehmer nahm sich jedoch sein gutes Recht heraus, auf die Rede nach seinem Beitrag persönlich zu reagieren. Dabei sprach er von seinen Freund:innen, die beim Supernova-Festival von der Hamas ermordet wurden oder bis heute in Geiselhaft sind. Anders als teilweise kolportiert unterbrachen wir weder seine Rede im Namen von „Queer Skateboard Club“ noch seinen persönlichen Einwand auf Kims Rede. Erst danach bekundeten wir unsere Ablehnung seiner politischen Haltung durch Sprechchöre, darunter „There is no pride in genocide“. Uns ist es wichtig zu betonen, dass unsere deutliche Ablehnung nicht als Verächtlichmachung ermordeter jüdischer Menschen ist, sondern der zionistischen Message, die durch seinen gesamten Einwand vermittelt wurde. Im Nachhinein wurde auch immer wieder auf unsere Reaktion hingewiesen, die von einigen Verantwortlichen ebenfalls als „antisemitisch“ bezeichnet wurden. Es ist antisemitisch laut zu fordern, dass es keine „Pride“ in einem Völkermord gibt?

Schlussfolgerung

Wir müssen konstatieren, dass wir von den Reaktionen und den jeweiligen Entwicklungen nicht überrascht sind. Auch nicht von der bürgerlichen Presse,

namentlich des Südkuriers. Dieser verarbeitete in zwei Artikeln die „Vorfälle“ am CSD, doch verbreitete ein einseitiges Bild, in dem a) das Spucken des zionistischen Teilnehmers nur nebensächlich behandelt wird und b) Stimmen zwar zitiert wurden, aber nicht persönlich angehört – in diesem Fall Kim. Schlimmer noch wurde in der Ausgabe am Donnerstag eine unredliche Gleichsetzung der Wassermelone als politisches Symbol, der Boykott-Bewegung BDS (der Antisemitismus unterstellt wird) sowie der Äußerung von Kim, dass Israel einen Völkermord begeht.

Diese Situation ist symptomatisch in Deutschland – auch in der politischen Linken. Es ist nahezu grotesk, dass die notwendige Unterscheidung zwischen Judentum, Zionismus und Israel nicht ermöglicht wird, sondern die Gleichsetzung als Bedingung verstanden wird, am politischen Diskurs teilnehmen zu dürfen, ohne Gefahr zu laufen, in jeglicher Form angegriffen zu werden. Dadurch findet eine gefährliche Instrumentalisierung des Antisemitismus selbst statt, der inhaltlich völlig entleert wird und in dieser Konsequenz gegen Jüd:innen selbst verwendet wird. Es ist unbestreitbar, dass der Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 zunahm und wir verurteilen jeden Übergriff auf Jüd:innen, jüdische Einrichtungen und Synagogen, die aus tatsächlichen antisemitischen Gründen geschehen. Doch wir erleben besonders in Deutschland eine Entwicklung, in dem Jüd:innen, die sich gegen Israel und den Völkermord in Gaza positionieren, selbst unterdrückt und mit dem Vorwurf konfrontiert werden, antisemitisch zu sein. Für uns ist völlig klar, dass der Antizionismus keine Feindschaft gegenüber Jüd:innen bedeutet, sondern Opposition zur zionistischen Ideologie, die viel zu schnell und fälschlicherweise mit jüdischen Menschen gleichgesetzt wird. Das ist brandgefährlich und lehnen wir ebenso ab wie die Instrumentalisierung rechter Gruppierungen, die den Antizionismus als Behelf verstehen, Hetze gegen Jüd:innen zu betreiben.

Auch betonen wir ausdrücklich, dass der CSD seinem Wesen nach niemals unpolitisch sein kann. Die Befreiung queerer Menschen und die Verteidigung ihrer bürgerlichen Rechte ist keine „Party“, sondern ein hochpolitischer Akt. Und selbstverständlich ist er intersektional, das heißt er verbindet die Kämpfe anderer, da wir nicht voneinander getrennt sind, sondern durch unsere Verankerung in der Gesellschaft verschiedenen Unterdrückungsmechanismen unterworfen sind. Von daher ist es für uns selbstverständlich und notwendig, den palästinensischen Befreiungskampf mit dem Kampf von Queers zu verbinden.

Unsere Forderungen